Hi, mein Name ist Mandy Bahr. Laut Ausweis bin ich 50, aber im Herzen erst 30. Bei der Volkssolidarität Berlin bin ich recht neu: Seit März dieses Jahres arbeite ich hier als Beteiligungsmanagerin. Beeinträchtigt bin ich durch eine beidseitige Schwerhörigkeit mit Tinnitus. Die Schwerhörigkeit ist bei mir nicht angeboren, sondern traf mich erst im Alter von knapp drei Jahren. Seitdem verschlechtert sich mein Gehör zunehmend. Mittlerweile bin ich auf dem rechten Ohr fast taub. Nein, ich war nicht zu oft auf zu lauten Konzerten. Die Krankheit, die dafür verantwortlich ist, heißt Otosklerose – eine fortschreitende Schwerhörigkeit, die jeden treffen kann. Ich trage zwar Hörgeräte, aber die Cyber-Ohren sind nicht ganz so gut und verlässlich wie die, die ich von Mutter Natur bekommen hatte.
Wenn du dir wünschen könntest, dass alle Menschen eine Sache zum Thema Behinderung von heute auf morgen begreifen würden, was wäre das?
Dass kein Mensch behindert ist. Wenn überhaupt, dann wird man behindert, und zwar an der Teilhabe am Leben mit all seinen Facetten. Du fragst dich jetzt sicher, wie das gemeint ist. Ganz einfach: Für einen Menschen im Rollstuhl ist nicht der Rollstuhl das Problem, sondern die Treppe ohne Rampe oder der fehlende Aufzug. Nicht die blinde Person ist das Problem, sondern der nicht vorhandene Leitstreifen oder Ampeln ohne Signalton.
Nach meinem Verständnis ist Teilhabe keine Gefälligkeit, sondern ein Recht, und behindert ist keine Beleidigung, sondern die neutrale Beschreibung einer leider alltäglichen Situation. Wenn wir dies verstehen und leben, kann es gelingen, Barrieren – physische und die in unseren Köpfen – abzubauen. Dann wird niemand mehr behindert und unsere Gesellschaft wird für alle Menschen zugänglich sein.
Leider werde ich wohl eher mit einem Einhorn an der Leine über den Ku’Damm spazieren gehen, als dass das Realität wird.
Was macht die Volkssolidarität Berlin im Bereich Inklusion schon ganz gut? Und was können wir noch besser machen?
Wir können doch immer alle noch besser werden – oder?! Denn irgendwann kommt eine Situation oder Anforderung, die wir noch nicht hatten. Das Großartige an der Volkssolidarität ist, dass sie sich dieser Herausforderung immer stellen wird. Die Menschen, die hier arbeiten sind sehr empathisch und kreativ. Wir finden Lösungen. Hier gibt keiner so schnell auf und alle ziehen an einem Strang. In Sachen Inklusion kenne ich kaum Unternehmen, die diesem Thema so offen und lösungsorientiert begegnen, wie die Volkssolidarität.
Das Motto des diesjährigen Deutschen Diversity Tags lautet: „Wenn Vielfalt gewinnt, gewinnen wir alle“. Inwiefern stimmst du dem zu und warum?
Ich denke gern in Bildern. Stellen Sie sich also ein Buffet für sehr viele Menschen vor, an dem es aber nur Schweinebraten gibt. Da würde ein Teil unserer Gäste hungrig nach Hause gehen, weil sie kein Schweinefleisch bzw. gar kein Fleisch essen. Wenn das Buffet aber reich gedeckt ist, mit allerlei Köstlichkeiten und in sämtlichen Geschmacksrichtungen (ähnlich wie in Hogwarts), dann wird es ein schöner Abend für alle Menschen: Sie essen, genießen, reden, tauschen sich aus und machen neue Erfahrungen.
Vielfalt ist also dieses Buffet, auf dem für alle etwas dabei ist. Man nimmt sich, was man braucht und/oder möchte. Man teilt, lernt Neues kennen und erweitert den Horizont. Es öffnen sich neue Blickwinkel und man verlässt die persönliche Komfortzone. Das ist ein Gewinn für alle.
Ich bin Jaqueline M., 32 Jahre alt, und in Berlin geboren und aufgewachsen. Ich bin von Geburt an kleinwüchsig. Ich habe eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation gemacht, anschließend nochmal BWL mit der Vertiefung Finanzen studiert und bin seit 2024 bei der Volkssolidarität Berlin tätig.
Gibt es einen Fakt, der deiner Meinung nach noch geteilt werden sollte?
Ich finde die Fakten, wie viele Schwerbehinderte in Unternehmen beschäftigt werden, sehr wichtig. Wie viele Unternehmen zahlen eine Schwerbehindertenpauschale? Sprich, es gibt meiner Meinung nach immer noch zu viele Unternehmen, die lieber zahlen als Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Man sollte zudem mehr nach den Gründen fragen: Warum stellen sie keine Schwerbehinderten ein? Zu teuer, zu viel Aufwand?
Beim diesjährigen Tag der Menschen mit Behinderungen ging es um finanzielle Kürzungen, durch die Menschen mit Behinderungen betroffen wären. Dazu gibt dazu aktuell auch eine Petition Petitionen: Petition 195716 (bundestag.de).
Wenn du dir wünschen könntest, dass alle Menschen eine Sache zum Thema Behinderung von heute auf morgen begreifen würden, was wäre das?
Dass Behinderungen keine ekelhaften Krankheiten sind, von denen die Menschen Angst haben müssen. Ich habe das Gefühl, es gibt die „guten einfachen“ behinderten Menschen, die sehr selbstständig sind und deren Krankheiten teilweise nicht sichtbar oder auch nicht bemerkbar sind. Die sind für die Welt und für den Arbeitsmarkt okay. Aber alle anderen Menschen, die mehr Hilfe oder Aufmerksamkeit oder einen anderen Umgang mit Ihnen benötigen, werden oft verdrängt, ignoriert oder einen Bogen um sie gemacht. Manchmal brauchen diese Menschen nur Akzeptanz und andere Menschen auf Augenhöhe – diese erreicht man nicht nur durch körperliche Gleichheit!
Was macht die Volkssolidarität Berlin im Bereich Inklusion schon ganz gut? Und was können wir noch besser machen?
Ich finde es toll, dass die Volkssolidarität Berlin auf Social Media auf den Tag der Menschen mit Behinderung aufmerksam gemacht hat. Weiterhin gehe ich davon aus, dass Menschen mit Behinderungen ebenfalls bei der Einstellung berücksichtigt werden. Ich selbst habe bei der Volkssolidarität keinerlei Diskriminierung erfahren. Vielmehr wurde nach meiner Einstellung im direkten Austausch mit meiner Vorgesetzten immer geschaut, welche Hilfsmittel ich benötige in meinem Alltag. Sprich: die Unterstützung gibt es in der Volkssolidarität .
Das Motto des diesjährigen Deutschen Diversity Tags lautet: „Wenn Vielfalt gewinnt, gewinnen wir alle“. Inwiefern stimmst du dem zu und warum?
Wir alle sind Individuen. Wenn alle Menschen sich auf Augenhöhe begegnen würden, gebe es viel weniger Diskriminierung, Ärger, Angst und Traurigkeit. Social-Media, Schönheitsideale, Perfektsein hat so einen hohen Stellenwert eingenommen, weswegen sich die Menschen besonders im Internet gegenseitig schlecht machen oder diskriminieren. Es geht immer darum, sich besser als den anderen darzustellen. Wir sollten stattdessen jeden so akzeptieren, wie er ist und nicht sich stets bewerten und messen. Es gab ein Projekt von Tim Mälzer, das mir sehr gut gefallen hat: Schwerbehinderte waren in einem Pflegeheim unterstützend tätig. Hier hat sich gezeigt, wenn man die Schwerbehinderten integriert und anerkennt, sie mit ihren Stärken und Schwächen gezielt dort beschäftigt, wo es passt, profieret das gesamte Team. Auch kleinere Arbeiten und Hilfestellungen können in einem Team viel bewirken. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass alle Unternehmen/Vereine mehr behinderte Menschen einstellen sollten und die Ressourcen zur Verfügung stellen müssen, auch wenn deren Einstellung mit höheren Kosten und mit mehr Zeit verbunden sein kann. Die Mitarbeitenden sollten für deren Einarbeitung mehr Zeit erhalten. Man sollte prüfen, welche Arbeiten von den Menschen mit Behinderungen erledigt werden könnte, ohne sie direkt komplett auszuschließen.
Was möchtest du anderen Menschen in Bezug auf das Thema gerne noch mit auf den Weg geben?
Schwerbehinderte Menschen sind genauso intelligent, selbstständig, erwachsen, attraktiv, hübsch, nett, freundlich und emotional wie jeder andere Mensch. Sie bringen manchmal besondere Eigenschaften mit sich, mit denen man eben manchmal anders umgehen muss. Menschen, die bisher keinen Kontakt mit schwerbehinderten Menschen hatten, dürfen den Umgang auch gerne erst lernen, man muss das nicht sofort können. Genau daher muss man die schwerbehinderten Menschen mehr in der Gesellschaft integrieren, so dass man ihnen nicht länger mit Angst und Unsicherheit begegnet, sondern sich traut, sie anzusprechen.
