Bundesministerin Karin Prien informierte sich im Haus der Befreiung in Marzahn-Hellersdorf über die Täterarbeit bei häuslicher Gewalt und über Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige. Im Mittelpunkt des Besuchs standen Prävention, verlässliche Hilfen und die Frage, wie Erkenntnisse aus der Praxis stärker in politische Entscheidungen einfließen können.
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, war zu Gast bei der Volkssolidarität Berlin. Im Haus der Befreiung in Marzahn-Hellersdorf lernte sie zwei Arbeitsfelder kennen, die in der öffentlichen Wahrnehmung häufig zu wenig Beachtung finden: die Arbeit mit Männern, die häusliche Gewalt ausgeübt haben, und die Unterstützung von Menschen, die Angehörige pflegen.
Täterarbeit: Verantwortung übernehmen und Gewalt beenden
Die „Beratung für Männer – gegen Gewalt“ unterstützt Männer dabei, gewalttätiges Verhalten zu erkennen, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen und Konflikte künftig ohne Gewalt zu lösen. In Gruppen mit etwa zwölf Teilnehmern setzen sie sich intensiv mit ihrem Verhalten auseinander.
Zu den Methoden gehören detaillierte Tatrekonstruktionen und Rollenspiele. Dabei geht es auch um die Mechanismen hinter der Gewalt: um Kontrolle, Macht und den Versuch, Beziehungen nach außen abzuschotten. Eine neu eingerichtete Nachsorgegruppe soll dazu beitragen, dass die Teilnehmer die erarbeiteten Veränderungen langfristig in ihrem Alltag verankern.
Karin Prien, die vor ihrer politischen Laufbahn als Anwältin tätig war, sprach auch über Reuebekundungen, die in juristischen Verfahren als Verteidigungsstrategie eingesetzt werden können. Sie fragte deshalb nach der nachhaltigen Wirkung der Täterarbeit und nach möglichen Forschungsbedarfen. Von besonderem Interesse sei, ob die wahrgenommene Zunahme und Verschärfung von Gewalt wissenschaftlich hinreichend belegt ist.
Prävention muss Kinder und Eltern früh erreichen
„Was wünschen Sie sich?“, fragte die Ministerin die Teilnehmenden des Fachaustauschs.
Susanne Buss, Vorstandsvorsitzende der Volkssolidarität Berlin, warb dafür, Kinder und Eltern stärker über Schulen zu erreichen. Gute Präventionsarbeit gebe es bereits an einzelnen Schulen, sie sei jedoch noch längst nicht selbstverständlich. Auch Stadtteilzentren, Familienhelfer:innen und die Schulsozialarbeit könnten einen wichtigen Beitrag leisten.
Die Fachkräfte sprachen sich zudem für eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit aus. Täterarbeit müsse besser mit Jugendhilfe, Gewaltschutz und familiengerichtlichen Verfahren verzahnt werden – insbesondere dann, wenn nach häuslicher Gewalt Entscheidungen über das Umgangsrecht getroffen werden. Prävention dürfe nicht erst bei den Betroffenen ansetzen. Auch die Arbeit mit denjenigen, von denen die Gewalt ausgeht, müsse dauerhaft und verlässlich finanziert werden.
Unterstützung für pflegende Angehörige
Im zweiten Teil des Besuchs stand die Arbeit der Kontaktstelle PflegeEngagement im Mittelpunkt. Monika Vuong machte deutlich, dass die Themen Pflege, Krankheit und Sterben in der Gesellschaft häufig verdrängt werden. Umso wichtiger seien frühzeitige Information und Prävention: Menschen sollten wissen, welche Herausforderungen auf sie zukommen können und wo sie Unterstützung finden.
Die Gesprächsgruppen der Kontaktstelle sind bewusst klein. Pflegende Angehörige sprechen dort über sehr persönliche Erfahrungen, über Überforderung, Abschied und Sterben, aber auch über neuere Herausforderungen wie die Pflege aus der Ferne.
Marlies Carbonaro berichtete von psychosozialer Unterstützung, Begleit- und Besuchsdiensten, Informationsveranstaltungen und Podcasts. Entlastungsgespräche seien besonders wichtig, weil pflegende Angehörige mit ihrer Situation im Alltag häufig allein blieben.
Wie wertvoll ehrenamtliches Engagement sein kann, schilderte Angelika Götze. Sie leitet eine wöchentliche Nordic-Walking-Gruppe mit rund sechs Teilnehmenden und besucht regelmäßig eine 93-jährige Dame. Zwischen beiden ist ein lebendiger Austausch entstanden – auch über unterschiedliche Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland.
Wenn jüngere Pflegebedürftige durch bestehende Raster fallen
Herr Dehm berichtete von seinem Alltag als pflegender Angehöriger. Seine Ehefrau ist an einer neurodegenerativen Erkrankung erkrankt und noch keine 60 Jahre alt. Die Wohnortnähe der Angebote war für ihn deshalb ein entscheidendes Kriterium.
Da viele Leistungen und Einrichtungen vor allem auf hochaltrige Menschen ausgerichtet sind, hat die Familie das Gefühl, durch bestehende Raster zu fallen. Eine geeignete Tagespflege fand Herr Dehm schließlich in Friedenau. Den täglichen Fahrdienst muss er jedoch privat organisieren. Er arbeitet in Teilzeit und ist auf zusätzliche Unterstützung angewiesen.
Besonders wertvoll seien für ihn der Begleit- und Besuchsdienst sowie der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen. Zugleich seien viele Hilfsangebote den betroffenen Familien nicht ausreichend bekannt.
Marlies Carbonaro wies darauf hin, dass pflegende Angehörige zunehmend jünger und damit häufig noch berufstätig seien. Gründe dafür seien unter anderem spätere Familiengründungen und größere Altersunterschiede innerhalb von Partnerschaften.
Gewaltschutz und Pflege politisch stärker in den Blick nehmen
Karin Prien beschrieb eindrücklich, wie Krankheit und Pflege Menschen aus ihrem bisherigen Leben herausreißen können: Plötzlich befinde man sich nicht mehr auf der vermeintlichen Sonnenseite des Lebens. Dann stelle sich die entscheidende Frage: „Wo sind meine Kraftquellen?“
Zum Abschluss bedankte sich die Ministerin herzlich für die offenen Einblicke. Den derzeit breiten politischen Konsens zur Ausweitung des Gewaltschutzes und der Hilfen für Betroffene gelte es zu nutzen. Zugleich zeigte sie sich überzeugt, dass der Austausch mit der Volkssolidarität Berlin fortgesetzt wird.
