Gerhard Hafner hat 25 Jahre lang mit Tätern häuslicher Gewalt gearbeitet. Jetzt geht er in den Ruhestand. Nach Kürzertreten klingt das alles nicht: „Ich war gestern bei einem Fachtag zum Thema häusliche Gewalt“, erzählt Gerhard Hafner. Einige Tage später folge die nächste größere Veranstaltung – wenn man sich für andere männliche Rollenbilder einsetzt, hat das irgendwie nie Pause. Am 13. Oktober wird Gerhard Hafner im Haus der Befreiung offiziell verabschiedet. In Marzahn schließt sich dann für den Diplom-Psychologen der Kreis. In dem Bezirk hat er im Januar 1999 mit dem Projekt „Beratung für Männer – gegen Gewalt“ angefangen – für die Volkssolidarität Berlin.
Als in den 1970ern in Westberlin die Frauenbewegung viele Menschen beschäftigte, „fand ich, dass Männer da auch mitmachen sollten“, erzählt er. Aus dem Wunsch, die Männerrolle zu überdenken, entstand dann die „Mannege“, eine Beratungsstelle für Männer. Es ging zunächst um die Frage, was Väter für eine Rolle einnehmen wollen. Gerhard Hafner erinnert sich: „Nach der Wende kamen auch Männer aus Ostberlin. Dort war die Rollenverteilung pragmatisch emanzipiert. Die Westmänner redeten viel, die Ostmänner machten einfach.“
„Die Frauenbewegung hat viele Frauen hervorgebracht, die sich das nicht mehr gefallen lassen“
Für Gerhard Hafner war schon früh klar: Die Vaterrolle und häusliche Gewalt sind thematisch verbunden. Wer ein guter Vater sein will, kann nicht Täter häuslicher Gewalt sein, denn Gewalt hat direkte, negative Folgen für die eigenen Kinder. In Marzahn stieß er mit seinem Ansatz bei der Gleichstellungsbeauftragten auf offene Ohren – und startete das Projekt.
Im Laufe der Jahre ist aus dem Einzelkämpferprojekt ein Vorzeigeangebot mit einem Team engagierter Expert:innen geworden, die nach wissenschaftlich evaluierten Standards arbeiten. Die Beratung ist mittlerweile in Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Spandau und Reinickendorf vertreten. Die Kolleg:innen können in 5 Sprachen beraten. Vor einigen Jahren hat Gerhard Hafner die Leitung abgegeben und sich auf die Arbeit vor Ort konzentriert.
Nach wie vor ist die Nachfrage nach Beratung im Projekt groß. Immer noch schlagen, kontrollieren oder erniedrigen Männer ihre Partnerinnen, unabhängig von Alter und sozialem Status. Journalist:innen interessieren sich heute mehr denn je für das Thema, nennen häusliche Gewalt und Femizide beim Namen. Woher das kommt? „Die Frauenbewegung hat viele Frauen hervorgebracht, die sich das nicht mehr gefallen lassen“, sagt Gerhard Hafner. Doch er bleibt skeptisch. Gestern hat ein Richter beim Fachtag gesagt, häusliche Gewalt sei doch eine Form von Familienstreit. Damit trüge die Partnerin automatisch eine Mitschuld – genau das Gegenteil ist Kern der Arbeit mit Tätern häuslicher Gewalt, nämlich die Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln und die Erkenntnis, was Gewalt mit dem Gegenüber macht.
Es bleibt noch viel zu tun.
Constance Frey
Foto aus den Anfängen der Täterarbeit Foto: privat
