Volkssolidarität Berlin gewährt Einblick in die Arbeit mit Demenz-WGs

Wie gelingt Betreuung in kleinen Wohngemeinschaften für demenziell erkrankte Menschen – und warum gibt es allein in Berlin über 800 solcher Wohnformen, während in ganz Frankreich bislang nur rund 60 bestehen? Diese und viele weitere Fragen standen im Mittelpunkt eines intensiven Fachaustauschs zwischen einer französischen Delegation und Vertreterinnen der Volkssolidarität Berlin.

Rund 30 Fach- und Führungskräfte aus französischen Pflegeeinrichtungen waren Anfang Dezember zu Gast, um Einblicke in das in Deutschland etablierte Modell der Demenz-Wohngemeinschaften zu erhalten. Organisiert wurde die Reise durch die Fondation Médéric Alzheimer und Dialog Health aus Bordeaux.

Begrüßt wurde die Gruppe von Susanne Buss, Vorstandsvorsitzende der Volkssolidarität Berlin, sowie Stefanie Müller, Prokuristin der Sozialdienste. Nach einer kurzen inhaltlichen Einführung in die Betreuungskonzepte für Menschen mit Demenz folgte eine lebhafte Fragerunde – für viele Delegierte der wertvollste Teil des Austauschs.

Besonders interessierte die Gäste, wie Angehörige in den Aufnahmeprozess einbezogen werden. „Vorgespräche und Kennenlerntermine sind für uns selbstverständlich“, so Müller. Nur selten müsse eine Aufnahme abgelehnt werden – etwa, wenn aggressive Verhaltensweisen die Sicherheit von Mitarbeitenden gefährden könnten. „Das Vertrauensverhältnis zwischen Team, Angehörigen und Bewohnenden ist zentral für das Gelingen einer WG“, betont Buss.

Auf die Frage, weshalb in Deutschland – und speziell in Berlin – so viele Demenz-WGs entstanden sind, während Frankreich noch am Anfang steht, verwies Buss auf die komplexen Rahmenbedingungen: ein Mix aus strukturellen Gegebenheiten, demografischen Entwicklungen und kulturellen Unterschieden. „Pflege findet in Deutschland überwiegend im häuslichen Umfeld statt. WGs sind niedrigschwelliger, persönlicher und oft auch kostengünstiger als andere Versorgungsformen“, so Buss. Gerade in urbanen Räumen wie Berlin sei das Modell deshalb besonders verbreitet.

Stefanie Müller ergänzte, dass es künftig alle Pflegeformen nebeneinander brauche: stationäre Angebote, ambulant versorgte Haushalte und Demenz-WGs. „Die WGs sind nahezu durchgehend belegt. Das spricht für ihren Bedarf und ihre Akzeptanz.“

Groß war das Interesse an der Frage, wie sich die Wohnform finanziert. Die deutschen Pflegegrade, erklärten Müller und Buss, seien entscheidend für die Inanspruchnahme der Leistungen. „Anders als in Frankreich, wo Pflegeversicherung nicht selbstverständlich ist, gibt es bei uns klare Budgetstrukturen.“

Auch die Frage, ob WGs mit oder ohne 24-Stunden-Präsenz besseren Erfolg versprechen, wurde angesprochen. Das Fazit: „Mit durchgehender Betreuung funktioniert die Versorgung nachweislich stabiler“, so Müller. Dass nicht alle WGs so arbeiten, liege an Finanzierung und Fachkräftemangel.

Einen besonderen Stellenwert räumt die Volkssolidarität auch den pflegenden Angehörigen ein. Buss verwies auf die begleitenden Angebote wie Selbsthilfegruppen: „Wer pflegt, darf selbst nicht auf der Strecke bleiben.“

Auf die Frage nach Kontrollstrukturen verwies Müller auf Qualitätsprüfungen durch die Heimaufsicht, das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), sowie durch den Medizinischen Dienst Berlin-Brandenburg.

Für die Delegation war der Austausch ein wertvoller Blick über die Landesgrenzen hinweg. Die Volkssolidarität Berlin wiederum freute sich, ihre langjährige Expertise weitergeben zu können. „Wenn wir mit unseren Erfahrungen dazu beitragen können, dass in Frankreich neue Wohngemeinschaften entstehen, dann ist das ein großer Erfolg – für die Versorgung, für die Pflegekultur und vor allem für die betroffenen Menschen“, betonte Buss zum Abschluss.