„Wie lange kann ich heute anrufen?“

In diesem Jahr feiern Der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Volkssolidarität zwei Jubiläen: 2025 wird der Paritätische Berlin 75 Jahre alt – und die Volkssolidarität 80. Gemeinsam bringen sie damit 155 Jahre soziales Engagement auf die Waage. Wie Heike Drees die Volkssolidarität Berlin und den Paritäter Berlin zusammengebracht hat – und welche Rolle dabei ein Telefonbuch spielte, lesen Sie im Folgenden:

Am 14. Februar 1990 haben zwei Frauen über die Zukunft der Volkssolidarität im vereinten Deutschland entschieden. Eine davon ist Heike Drees. Die Diplom-Psychologin war ab 1988 beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin als ABM-Kraft* beschäftigt und zuständig für die Verbesserung der Mobilität für Menschen mit Behinderung. Die Geschichte von Heike Drees und der Volkssolidarität wiederum beginnt mit dem Fall der Mauer. „Ich war noch in der Nacht an der Bernauer Straße“, erinnert sich die gebürtige Ost-Westfälin. Und an dieses Gefühl, schnell Kontakte im Osten aufnehmen zu wollen.  Ihr Abteilungsleiter Dr. Ellis Huber knüpfte als Mediziner erste Verbindungen zu Ärzten in Ostberlin und brachte von einem Besuch dort einen dicken Wälzer mit. „Telefonbuch von Berlin, Hauptstadt der DDR“ stand darauf. Systematisch arbeitete sich die junge Frau durch das Verzeichnis. „Ich habe nach sozialen Einrichtungen gesucht“, sagt Heike Drees. Unter dem Buchstaben Z fand sie dann „Zentralsekretariat der Volkssolidarität“. Das klang vielversprechend. „Da hab ich angerufen“, erzählt sie. Es meldete sich eine resolute Frauenstimme. „Können sie mir bitte mal erklären, was ist die Volkssolidarität?“, fragte Heike Drees.

„Ja, wenn sie so viel Zeit haben!“, schallte es durch den Hörer zurück. Schnell war klar, dass ließ sich am Telefon nicht auf die Schnelle klären. Heike Drees schrieb einen Brief mit der Bitte um ein Treffen. In ihrem Jahreskalender für 1990 ist das Datum für das Treffen vermerkt: 14. Februar, 10:00 Uhr, Rykestraße. Es war ein düsterer Tag mit Schneeregen bei bis zu 5 Grad. Im Zentralsekretariat beschrieb Hauptgeschäftsführerin Renate Kirschnek die Arbeit der Volkssolidarität – Heike Drees war beeindruckt. Sie war nicht allein gekommen, der DPW hatte inzwischen zusätzlich einen „Ostbeauftragten“. Das war Manfred Katthaen und dessen Visitenkarte mit einer Telefonnummer war an dem Abend entscheidend. Kirschnek suchte den Schulterschluss mit einem Dachverband aus Westberlin – dazu hatte sie eine Frage: „Können wir unseren Namen behalten, wenn wir Mitglied im deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband werden?“ Die AWO sei schon dagewesen „Hier müssten wir unseren Namen aufgeben“, so Kirschnek. Natürlich könne die Volkssolidarität ihren Namen behalten, wenn nichts dagegen einzuwenden ist, erwiderte die Besucherin. Das war die entscheidende Antwort. „Wie lange kann ich heute anrufen?“ fragte Renate Krischnek. Das sei bis 22:00 Uhr möglich, war die Antwort. „Ich rufe früher an.“ So kam es: Die Volkssolidarität entschied sich noch am selben Tag für den Beitritt zum Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Für Heike Drees war das der Auftakt für viele weitere Besuche: etwa bei einer Sozialstation der Volkssolidarität im März 1990 und einem Klub am 10. April. Bei jedem Besuch wurde augenscheinlicher, wie riesig diese Organisation war. „Wir waren auf die Volkssolidarität angewiesen, um Strukturen im Osten aufzubauen“, sagt Heike Drees, „das war eine tolle, spannende Zeit.“ Für sie war klar: „jetzt nutzen wir das Beste aus zwei Welten“. Häufig habe die Volkssolidarität Türen geöffnet.
Irgendwann stand der damalige Geschäftsführer des Pari Berlin, Hans-Jochen Brauns, bei Heike Drees im Büro. „Ich weiß nicht mehr, wer ist die Mücke und wer ist der Elefant“, sagte er. Denn im Vergleich zur gesamten, zentralisiert organisierten Volkssolidarität war der Berliner Landesverband des Paritätischen ein Winzling. Die Lösung: Nur die Berliner Einrichtungen der Volkssolidarität traten als Landesverband dem Pari Berlin bei; und mit ihren Landes- und Bundesstrukturen den jeweiligen Pendants beim DPW. „Das ging rasend schnell“, erinnert sich Heike Drees. Am 5. November 1990 wurde der Berliner Landesverband der Volkssolidarität Mitglied im Paritätischen Landesverband Berlin. „Ich habe das ganz große Glück, dass ich das alles miterleben konnte“, sagt Heike Drees, die heute Fachreferentin Suchthilfe, HIV/Aids, Gesundheitsförderung beim Paritätischen Berlin ist. Man könnte auch sagen: Ohne sie wäre es nicht dazu gekommen.