Manchmal braucht es nicht viel, um Großes zu bewirken – einen Stift, Papier und den Mut, die eigene Geschichte zu erzählen. Mahadi Ahmed, Mitarbeiter im Bereich Flucht und Migration, hatte schon länger den Wunsch, Menschen stärker sozialräumlich einzubinden. „Mich hat immer beeindruckt, wie viel die Menschen zu erzählen haben – auch wenn unsere Gespräche im Alltag oft kurz sind“, erzählt er. So entstand die Idee, eine Schreib- und Erzählwerkstatt ins Leben zu rufen, in der Geflüchtete selbst zu Wort kommen.
Im August war es so weit: Sechs Teilnehmer:innen schrieben und erzählten über Erinnerungen, Verluste und Neubeginn. „Mir war wichtig, dass sie über sich selbst schreiben – und nicht, dass über sie geschrieben wird“, sagt Ahmed. Es gehe um einen Perspektivwechsel: weg von der Zuschreibung „Geflüchtete“ hin zu Menschen mit Geschichten, Erfahrungen und Hoffnungen.
Drei Texte durften veröffentlicht werden – sie erzählen von Heimat, Freiheit und vom Ankommen. In „Ein Haus, das nie Heimat wurde“ beschreibt ein Teilnehmer den Verlust seines Lebenswerks in Kabul: „Das neue und das alte Haus, die Verwandten, das letzte Gehalt, die Erinnerungen, die Gerüche – alles schien plötzlich wertlos.“ Trotz allem bleibt Dankbarkeit: „Diese Sicherheit – und die Wärme, die uns hier [in Deutschland] geschenkt wurde – habe ich tief geschätzt.“
In „Freiheit auf zwei Rädern“ wird das Fahrrad zum Symbol eines neuen Lebensgefühls: „Besonders, wenn ich auf dem Rad sitze und durch den Wind fahre, spüre ich diese Freiheit.“
Im Text „Verbrannte Heimat“ wird vom Verlust einer Stadt, die im Krieg unterging erzählt, und vom Versuch, in Deutschland ganz neu anzufangen: „Von Null anzufangen ist schwer – und in einer fremden Sprache zu lachen ist noch schwerer.“
Die Texte sind ehrlich und von großer emotionaler Tiefe. Sie zeigen, wie Schreiben helfen kann, Erfahrungen zu verarbeiten und die eigene Stimme wiederzufinden.
„Es war bewegend zu erleben, mit wie viel Vertrauen die Teilnehmenden ihre Geschichten geteilt haben“, erzählt Mahadi Ahmed.
Die Texte gibt es im Folgenden in voller Länge zu lesen:
Ein Haus, das nie Heimat wurde
Ich erinnere mich noch, wie ich vor sieben Jahren nach Hause kam und zu meiner Frau sagte: „Rate mal, was ich für uns habe.“
Sie konnte es nicht ahnen. Sie freute sich sehr als ich ihr erzählte, dass ich ein neues Haus gekauft hatte. Damals lebten wir mit unseren beiden Kindern in Kabul. Das neue Haus stand in Wadi Banshir, einem wunderschönen Ort unweit der Hauptstadt, dort, wo ich als Kind aufgewachsen war. Damals stellte ich mir vor, dass wir im Alter dorthin ziehen würden – weit weg vom Lärm der Stadt, zurück in meine Heimat der Kindheit.
Vierzehn Jahre lang hatte ich für ein INGO gearbeitet, davor zwölf Jahre als Lehrer für Geschichte und Farsi. Die Stadt hat mich geprägt, aber irgendwann spürte ich: es war Zeit, zurückzukehren. Dort wollte ich einen kleinen Laden eröffnen, fischen wie früher mit meinem Vater, kochen, schwimmen und viel Zeit mit der Familie verbringen.
Im Persischen sagt man: Der Mensch denkt, Gott aber entscheidet. So war es, als die Taliban an die Macht kamen. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, was es heißt, wenn das Leben auf den Kopf gestellt wird. Das neue und das alte Haus, die Verwandten, das letzte Gehalt, die Erinnerungen, die Gerüche – alles schien plötzlich wertlos.
Sechsunddreißig Tage lang beschäftigte mich nur ein Gedanke: Was, wenn ich in die Hände der Taliban falle? Und als ich schließlich in Berlin war, kam es mir lange wie ein Traum vor, dass ich meine Familie retten konnte, dass wir in Sicherheit waren. Diese Sicherheit – und die Wärme, die uns hier geschenkt wurde – habe ich tief geschätzt.
Mein Leben, denke ich heute leider, sei frühzeitig zu Ende. Ich bin zu alt, um noch etwas Neues zu beginnen. Ich habe schon gefragt, ob ich mich ehrenamtlich im Altersheim einbringen kann, weil ich gern die Sprache lernen möchte, unter Menschen sein will und Berlin etwas zurückgeben möchte. Der Papierkampf dafür aber machte mich müde.
Freiheit auf zwei Rädern
Lange Zeit habe ich meine Heimat nicht vermisst. Hier habe ich alles, was ich brauche: Meine Kinder sind gesund, sie gehen zur Schule, und mir drohen weder Gefängnis noch Zwangskleidung. Im Gegenteil – ich fühle mich frei wie nie zuvor. Ich habe sogar Fahrradfahren gelernt. Besonders, wenn ich auf dem Rad sitze und durch den Wind fahre, spüre ich diese Freiheit.
Doch seit dem Ashura-Fest, dem wichtigsten Fest für uns, denke ich wieder oft an mein früheres Leben. Das Fest hier war anders – die Lieder klangen fremd, selbst das Essen schmeckte nicht wie zu Hause. Ich erinnerte mich an unser Hof, wo die Nachbarinnen bei meiner Mutter zusammenkamen, um für das Fest zu kochen. An meine Großmutter – Gott hab sie selig – die mir die schönsten Geschichten erzählte, während sie meine Haare kämmte oder mit mir zum Brunnen ging. Ich denke an die Leichtigkeit des Lebens, an die vielen Menschen, die unangemeldet zu Besuch kamen, mit uns aßen und lachten. All das fehlt hier in Deutschland oder vielleicht wird anders gelebt.
Und doch: Wenn ich die alte mit der neuen Heimat vergleiche, würde ich die neue wählen. Denn Freiheit – so sagte mir eine iranische Sozialarbeiterin gleich im ersten Heim – ist das Wichtigste.
Verbrannte Heimat
Ich komme aus Soiada, im Süden Syriens. Ein Ort, den ich niemals freiwillig verlassen wollte. Ein Ort, von dem ich oft träumte. Als das Regime in Syrien zusammenbrach, weinte und lachte ich zugleich. „Freu dich heute – morgen wird es anders sein“, sagte meine Frau. Skeptisch war sie, unbeeindruckt vom ersten Tag der „Befreiung“.
Sie sollte recht behalten. Ihre Worte erwiesen sich als weise, richtig und tief. Wenige Tage später erreichten uns die traurigen Nachrichten. Die „Freiheitskämpfer“ hatten Assad besiegt – und rächten sich nun an allen anders Denkenden, allen, die ihr imaginäres Weltbild nicht teilen.
Und vor Kurzem schließlich erreichten die Flammen auch meine Heimatstadt. In den Videos, die ich ansah, erkannte ich Straßen und Ecken, Läden und den blauen Himmel von Soiada, sogar mir bekannte Gesichter von damals, die völlig verängstigt waren. Alles war vom Feuer verschlungen. In diesem Moment starb auch die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr.
Heute lebe ich in Berlin. Ich kann mich auf Deutsch verständigen, und ich bin ein begabter Automechaniker. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr habe ich geschraubt, repariert, gelernt – doch all diese Erfahrung scheint hier nichts wert. „Sogar zum Spazierengehen braucht man in Deutschland einen Schein oder eine Ausbildung“, sagte einmal ein Freund zu mir. Ganz so falsch war es nicht. Vieles ist hier geregelt, geprüft, zertifiziert.
Und doch bin ich dankbar. Dankbar, dass meine Familie und ich in Sicherheit sind, dankbar für ein Leben ohne Angst; Aber die Zukunft bleibt ungewiss. Von Null anzufangen ist schwer – und in einer fremden Sprache zu lachen ist noch schwerer.
